Das Gebetshaus der Brüdergemeinde

Das Gebetshaus der Herrnhuter wurde in den 1780ger Jahren im Bauernhof Paka im Dorf Tuiu im Kirchspiel Mustjala errichtet und 1965 ins Museum gebracht. Vermutlich begann man schon in den 1730ger Jahren auf der Insel Saaremaa Gebesthäuser von Brüdergemeinde zu bauen, wo die Bewegung zahlreiche Anhänger hatte.

Das in Estland selten vorkommende einfache Gebäude mit einem Raum unter dem Fettendachstuhl und mit einer armen Innenausstattung widerspiegelt Grundideen der Brüdergemeinde – Demut, Frömmigkeit, Glauben an die Erlösung durch das Blutopfer Jesu und durch Glauben an ihn.

In der Mitte des Gebetshauses ist ein Raum unter dem Fettendachstuhl – ein Küchenraum mit einer Steinmauer, dessen Decke eine mit Ton bedeckte Rutengebewebe, Dachstuhl, bildet. In der Ecke gibt es einen offenen Herd, von hier aus wurde auch der Ofen des Gebetsraums geheizt. Ein Balkenschornstein führt den Rauch über die Decke. So ein sogenanntes fränkisches Heizsystem gibt es in estnischen Bauernbauten nur im Westteil der Insel Saaremaa.

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1 – Gebetsraum, 2 – Raum unter dem Fettendachstuhl, 3 – Schlafzimmer, 4 – Flur

Sachverhalt

  • 1739 erschien unter Unterstützung des Grafen von Zinzendorf die erste vollständige Bibelübersetzung, die eine Grundlage für die estnische Schriftsprache bildete. Dank der Brüdergemeinde verbesserte sich Lese- und Schreibkundigkeit der Esten.
  • F.R. Kreutzwald, J. Hurt, J.V. Jannsen, C.R. Jakobson und viele andere damalige Kulturschaffende Estlands hatten einen herrnhutischen Hintergrund.
  • Eben die Brüdergemeinden haben den Begriff „Esten“ eingeführt.
  • Die Herrnhuter brachten in Kirchen den mehrstimmigen Chorgesang und legten Grundsteine zur Entstehung von Chören und Blaskapellen in Estland.
  • Unter Herrnhutern gab es auch Extremisten. Der aus dem Gutshof Haanja stammende Aufseher Tallima Paap propagierte völlige Askese, er organisierte das Peitschen von sich selbst und von seinen Jüngern, er predigte auch über den Verzicht auf einen ehelichen Geschlechtsverkehr, aber ebenso über die Umteilung von Gutshöfen unter Herrnhutern. Dafür wurde er vor das Amtsgericht Tartu geschickt, worauf Paap doch auf die Extremität verzichtete und weiterhin die üblichen herrnhutischen Grundsätze befolgte.
  • Im Gebetshaus des Museums kann man sich Tonwiedergabe von Liedern der Brüdergemeinde anhören.